Hochrangiger russischer Drei-Sterne-General a.D. Iwaschow plädiert gegen einen Einmarsch Russlands in die Ukraine


In einem „Appell der Allrussischen Offiziersversammlung an den Präsidenten und die Bürger der Russischen Föderation“ mit dem Titel „Am Vorabend des Krieges“ vom 31.1.2022 wendet sich der Vorsitzende und Generaloberst a.D. Leonid Iwaschow in einer wahren Brandrede gegen einen Angriff Russlands auf die Ukraine, fordert alle Bürger zum Widerstand gegen einen Krieg und Staatspräsident Wladimir Putin zum Rücktritt auf.


Er wurde am 31.8.1942 im ehemaligen Frunse in Kirgisistan geboren, gilt als Hardliner sowie überzeugter Kommunist und soll angeblich an dem gescheiterten August-Putsch 1991 in Moskau gegen Präsident Gorbatschow beteiligt gewesen sein. Generaloberst Iwaschow war einer der maßgebenden Militärstrategen Russlands nach der Wende. Er ist Präsident der Akademie für Geopolitische Probleme und gilt als führender Spezialist für Geopolitik, Konfliktforschung, internationale Beziehungen und Militärgeschichte. Als Leiter der Hauptabteilung für internationale militärische Zusammenarbeit erwarb er 1998 den Doktortitel, der in Russland zur Lehrtätigkeit als Professor berechtigt, mit einer Arbeit über eine Kooperation Russlands mit China und dem Iran als Gegengewicht zur NATO-Expansion. Als Leiter der Hauptabteilung für internationale militärische Zusammenarbeit des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation in den Jahren 1996-2001 sprach er sich gegen die NATO-Osterweiterung aus. Im Dezember 2011 kündigte er seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl in Russland 2012 an, die jedoch von der Zentralen Wahlbehörde aus formalen Gründen abgelehnt wurde.
Es bleibt unklar, über welchen innen- bzw. außenpolitischen Einfluss der Generaloberst a.D. Iwaschow überhaupt noch verfügt. Allein der Umstand aber, dass ein hochrangiger Soldat im Ruhestand mit einer gewissen Reputation es öffentlich wagt, Präsident Putin zu kritisieren, zum Rücktritt aufzufordern und die Bevölkerung zum Widerstand gegen einen Krieg mit der Ukraine auszurufen, dürfte eine kleine Sensation darstellen. Der Beitrag wurde zudem in der Sowetskaja Rossija, einem Oppositionsblatt der russischen Kommunisten, veröffentlicht.

Hier nun seine Rede als Vorsitzender der Allrussischen Offiziersversammlung in einer maschinellen deutschen Übersetzung (manuell überarbeitet) aus dem Russischen:

„Appell der Allrussischen Offiziersversammlung

an den Präsidenten und die Bürger der Russischen Föderation

Heute lebt die Menschheit in Erwartung eines Krieges. Ein Krieg bedeutet unweigerlich den Verlust von Menschenleben, Zerstörung, Leiden der großen Masse der Menschen, Zerstörung ihrer Lebensweise und Störung der Lebensgrundlagen von Nationen und Völkern. Ein großer Krieg ist eine große Tragödie, ein schweres Verbrechen. Zufälligerweise befindet sich Russland im Zentrum dieser drohenden Katastrophe. Und das vielleicht zum ersten Mal in seiner Geschichte.
Zuvor hatte Russland (die Sowjetunion) erzwungene (gerechte) Kriege geführt, und zwar in der Regel dann, wenn es keinen anderen Ausweg gab, wenn die vitalen Interessen des Staates und der Gesellschaft bedroht waren.
Und was bedroht heute die Existenz Russlands selbst, und gibt es solche Bedrohungen? Man kann argumentieren, dass die Bedrohungen tatsächlich vorhanden sind – das Land steht am Rande des Endes seiner Geschichte. In allen lebenswichtigen Bereichen, auch in der Demografie, ist ein stetiger Rückgang zu verzeichnen, und der Bevölkerungsschwund bricht Weltrekorde. Und die Verschlechterung ist systemischer Natur, und in jedem komplexen System kann der Zusammenbruch eines Elements zum Zusammenbruch des gesamten Systems führen.
Und dies ist unserer Meinung nach die größte Bedrohung für die Russische Föderation. Es handelt sich jedoch um eine innere Bedrohung, die vom Staatsmodell, der Qualität der Behörden und dem Zustand der Gesellschaft ausgeht. Und die Gründe für ihre Entstehung sind intern: die Lebensunfähigkeit des Staatsmodells, die völlige Inkompetenz und Unprofessionalität der Behörden und Verwaltungen, die Passivität und Desorganisation der Gesellschaft.. In einem solchen Zustand wird ein Land nicht lange überleben.
Was die Bedrohungen von außen angeht, so sind sie durchaus vorhanden. Nach unserer Experteneinschätzung sind sie jedoch derzeit nicht kritisch und gefährden nicht unmittelbar die Existenz der russischen Staatlichkeit und ihrer vitalen Interessen. Im Großen und Ganzen ist die strategische Stabilität gewahrt, die Kernwaffen sind unter zuverlässiger Kontrolle, die NATO-Streitkräfte werden nicht aufgestockt, und es gibt keine bedrohlichen Aktivitäten.
Daher ist die aufgeladene Situation um die Ukraine in erster Linie künstlich und dient einigen internen Kräften, einschließlich der Russischen Föderation, zum eigenen Vorteil. Infolge des Zusammenbruchs der UdSSR, an dem Russland (Jelzin) maßgeblich beteiligt war, wurde die Ukraine ein unabhängiger Staat, Mitglied der UNO und hat gemäß Artikel 51 der UN-Charta das Recht auf individuelle und kollektive Verteidigung.
Die russische Führung hat die Ergebnisse des Referendums über die Unabhängigkeit der DNR und der LNR noch immer nicht anerkannt, während sie auf offizieller Ebene, auch während des Minsker Verhandlungsprozesses, immer wieder betont hat, dass deren Gebiete und Bevölkerung zur Ukraine gehören.
Außerdem wurde auf hoher Ebene wiederholt der Wunsch geäußert, normale Beziehungen zu Kiew aufrechtzuerhalten, ohne die Beziehungen zur DNR und LNR besonderes hervorzuheben.
Die Frage des Völkermords seitens Kiews in den südöstlichen Regionen wurde weder bei der UN noch bei der OSZE angesprochen. Damit die Ukraine ein freundlicher Nachbar Russlands bleibt, hätte ihr natürlich die Attraktivität des russischen Staatsmodells und Regierungssystems vor Augen geführt werden müssen.
Die Russische Föderation hat dies jedoch nicht getan, ihr Entwicklungsmodell und ihr außenpolitischer Mechanismus der internationalen Zusammenarbeit haben fast alle ihre Nachbarn verprellt, und nicht nur das.
Die Übernahme der Krim und Sewastopols durch Russland und die Tatsache, dass die internationale Gemeinschaft diese Gebiete nicht als russisch anerkennt (und daher die große Mehrheit der Staaten der Welt sie immer noch als zur Ukraine gehörig betrachtet), zeigt deutlich das Scheitern der russischen Außenpolitik und die Unattraktivität der russischen Innenpolitik.
Der Versuch, die Menschen durch Ultimaten und Gewaltandrohungen dazu zu bringen, die Russische Föderation und ihre Führung zu „lieben“, ist sinnlos und äußerst gefährlich.
Die Anwendung militärischer Gewalt gegen die Ukraine würde erstens die Existenz Russlands selbst als Staat in Frage stellen und zweitens Russen und Ukrainer für immer zu Todfeinden machen. Drittens werden auf der einen wie auf der anderen Seite Tausende (Zehntausende) junger, gesunder Menschen getötet, was sich mit Sicherheit auf die künftige demographische Situation in unseren aussterbenden Ländern auswirken wird. Wenn dies geschieht, werden die russischen Truppen auf dem Schlachtfeld nicht nur ukrainischen Soldaten gegenüberstehen, unter denen sich viele russische Nachkommen befinden, sondern auch Soldaten und Ausrüstung vieler NATO-Länder, und die Mitgliedsstaaten der Allianz werden gezwungen sein, Russland den Krieg zu erklären.
Der türkische Staatspräsident Erdogan hat deutlich gemacht, auf welcher Seite die Türkei kämpfen wird. Und wir können davon ausgehen, dass die beiden türkischen Feldarmeen und die Flotte den Befehl erhalten werden, die Krim und Sewastopol zu „befreien“ und möglicherweise in den Kaukasus einzumarschieren.
Darüber hinaus würde Russland eindeutig als Bedrohung für den Frieden und die internationale Sicherheit eingestuft, mit schwersten Sanktionen belegt, aus der internationalen Gemeinschaft ausgestoßen und wahrscheinlich seines Status als unabhängiger Staat beraubt werden.
Der Präsident, die Regierung und das Verteidigungsministerium können solche Konsequenzen nicht übersehen, sie sind nicht so dumm.
Es stellt sich die Frage: Was ist der eigentliche Zweck der Provokation von Spannungen am Rande eines Krieges und der möglichen Entfesselung von Feindseligkeiten großen Ausmaßes? Dass es dazu kommen wird, zeigt die Zahl und Zusammensetzung der von den Parteien aufgestellten Streitkräfte – mindestens hunderttausend Soldaten auf jeder Seite. Unter Entblößung seiner östlichen Grenzen verlegt Russland seine Truppen an die Grenzen der Ukraine.
Wir sind der Meinung, dass die Führung des Landes, die erkannt hat, dass sie nicht in der Lage ist, das Land aus der Systemkrise zu führen, und dass dies zu einem Volksaufstand und einem Machtwechsel im Land führen könnte, mit Unterstützung der Oligarchie, der korrupten Beamtenschaft, der gekauften Medien und der Sicherheitsdienste beschlossen hat, eine politische Linie für die endgültige Zerstörung der russischen Staatlichkeit und die Vernichtung der einheimischen Bevölkerung des Landes zu forcieren.
Und der Krieg ist das Mittel zur Lösung dieses Problems, um ihre anti-nationale Macht noch eine Weile aufrechtzuerhalten und den dem Volk geraubten Reichtum zu bewahren. Wir können keine andere Erklärung annehmen.
Vom Präsidenten der Russischen Föderation fordern wir, die Offiziere Russlands, auf, seine verbrecherische Politik der Provokation eines Krieges, in dem die Russische Föderation allein gegen die vereinigten Kräfte des Westens stehen würde, aufzugeben, die Voraussetzungen für die praktische Umsetzung von Artikel 3  der Verfassung der Russischen Föderation [Wortlaut in der Fußnote] zu schaffen und zurückzutreten.
Wir wenden uns an alle Reservisten und pensionierten Militärangehörigen, an alle Bürger Russlands mit der Empfehlung, wachsam zu sein, sich zu organisieren, die Forderungen des Rates der Allrussischen Offiziersversammlung zu unterstützen, sich aktiv der Propaganda und der Entfesselung des Krieges zu widersetzen, einen internen Bürgerkrieg mit dem Einsatz von militärischer Gewalt zu verhindern.

Vorsitzender der Allrussischen Offiziersversammlung Generaloberst Iwashow L.G.“


Fußnote:

Artikel 3 Verfassung der Russischen Föderation

  1. Der Träger der Souveränität und die einzige Quelle der Macht in der Russischen Föderation ist das multinationale Volk.
  2. Das Volk übt seine Macht unmittelbar sowie über die staatlichen Organe und die Organe der örtlichen Selbstverwaltung aus.
  3. Der höchste unmittelbare Ausdruck der Macht des Volkes sind das Referendum und die freien Wahlen.
  4. Niemand darf die Macht in der Russischen Föderation an sich reißen. Machtergreifung oder Usurpation der Macht werden nach Bundesrecht geahndet.

Quellen:

Ein Kommentar zu „Hochrangiger russischer Drei-Sterne-General a.D. Iwaschow plädiert gegen einen Einmarsch Russlands in die Ukraine

  1. [(Überarbeiter) Auszug aus einem gestern geführten Twitter DM-Chat]:

    Nachdem Gen. a.D. Kujat den Appell (auf Linkedin) vorgestern begrüßt und promoted hat und den Autor einen „Mann der Vernunft“ genannt hat [https://twitter.com/UBannow/status/1490709121632456704], muss die Bewertung von Dr. Graef zur Person von Prof. GenO a.D. Iwaschow noch einmal dediziert überprüft werden denn u.a. nach russischen Quellen ist Gen. Iwashow offensichtlich viel weiter in die Erarbeitung von Strategien (auch schon bzgl. NATO-Russland-Rat, Syrien, Krim und Donbas) und auch die Doktrin des Kreml involviert (gewesen) als dies in der (deutschen/westlichen) Öffentlichkeit bekannt ist. Aus diesem Grund „tarnt“ man ihn z.B. durch das (z.B. von Dr. Graef) gezeichnete Porträt, das ihn als alten kommunistischen „Hofnarren“ erscheinen lassen kann. Das ist er mit Gewissheit nicht. So ist er laut seiner aktuellen Biographie auf [http://www.biograph.ru/] „‎L.G. Ivashov ist Professor an der Akademie der Militärwissenschaften, Vollmitglied der Akademie für Nationale Sicherheit …“.

    General Kujat könnte er seit der zweiten Hälfte der 90er Jahre kennen als Gen. Iwaschow Leiter des International Department of the Russian Ministry of Defense und Gen. Kujat (ab 1996) Deputy Director of the NATO International Military Staff war – aus den Gründungstagen des NATO-Russland Rates. „Gute Beziehungen wurden zu Generälen und einigen Militärpolitikern aus europäischen NATO-Ländern, … aufgebaut“. [http://www.biograph.ru/index.php/whoiswho/13-armedforces/452-ivashov-lg]

    Insofern kann davon ausgegangen werden, dass der Brief tatsächlich im Interesse, zumindest mit Duldung des Kreml veröffentlicht wurde, auch um gezielt auf die Öffentlichkeit in Deutschland zu wirken (u.a. „War Scare“ antreiben). Die im Appell enthaltenen Angriffe gegen Putin liessen sich somit als „plausible Distanzierung“ zum Kreml erklären damit der Protest glaubhafter erscheint.

    Erläuternde Ausführung (auf Nachfrage):
    Erweiterte Interpretation des Appells bzgl. der Intentionen (auf Nachfrage und nach weiteren Recherchen):
    1. Der „War Scare“ in der DE/EU-Öffentlichkeit soll weiter erhöht werden.
    2. Es soll der Eindruck vermittelt werden, dass es in der RU Armee Widerstand gibt aber gleichzeitig nicht das Gefühl aufkommt, dass dieser tatsächlich irgend einen Einfluss haben wird (wie Dr. Graef schrieb: das hat er schon zuvor gemacht). Damit soll Argumentationsstoff für beide Seiten der Diskussion geliefert werden, für die, die sagen, dass es einen Angriff geben wird und für die, die sagen, dass Verhandlungen und Dialog möglich bzw. der einzige Weg sind.
    3. In Russland wird Gen. Iwaschow als Held präsentiert obwohl er seit er 1967 eine Kompanie beim Einmarsch in die Tschechoslowakei geführt hat, überwiegend rein administrativ und geostrategisch-planerisch tätig war, vermutlich mit an der derzeitigen Strategie und Doktrin gearbeitet hat – zumindest bis 2016 oder gar 2018. Davon soll genauso wie vom Wirken Dugins für den Kreml abgelenkt werden – von beiden hat sich Putin nach aussen hin distanziert. Mit Sicherheit hat er an der Strategie für Syrien mitgearbeitet bzw. diese beeinflusst.

    Hier kommt die Schnittstelle zu Gen. a.D. Kujat ins Spiel, der in Deutschland harter Kritik für seine u.a. in diversen Talkshows medial wirksam verbreiteten, z.T. mit unsachlichen Aussagen unterlegten und zudem stark kremlfreundlich anmutenden Präsentation des Russland-Ukraine- bzw. Russland-USA/NATO-Konfliktes ausgesetzt ist, ins Spiel. Gen. Iwaschow greift Putin in dem Appell massiv an, Gen. Kujat promoted den Beitrag und erklärt Iwaschow zu einem Mann der Vernunft. Damit soll einerseits die Glaubwürdigkeit des Appells und in Wechselwirkung die Glaubwürdigkeit von Gen. Kujat und seinem Narrativ gestärkt und gleichzeitig mögliche Affiliationen zum Umfeld des Kreml über alte (und neuere) Verbindungen, verwischt werden.

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