Wie kämpft die Bundeswehr in 10 Jahren?

Die Bundeswehr hat ein Thesenpapier mit dem Titel „Wie kämpfen Landstreitkräfte künftig?“ für das Parlament und die Regierung vorgelegt und sich darin mit der Frage beschäftigt, wie sich die Kriegsführung der Bundeswehr vor dem Hintergrund der „fehlenden Masse“ an Gerät und Soldaten, den Mitteln des Cyber-Krieges im Internetzeitalter, der Satellitenaufklärung, der rasanten Entwicklung von Drohnen und Robotik sowie dem Aufbau von A2AD-Zonen bis zum Jahr 2026 verändern wird.

Da das Thesenpapier Militärs, Fachleute und -politiker als Zielgruppe vor Augen hat, ist die sprachliche Darstellung der Thesen für den interessierten Laien teilweise nur schwer verständlich. Die aufgeworfenen Fragen werden zudem nur vor einem „vagen“ Einsatzszenario diskutiert. Daher soll im ersten Teil dieses Beitrages als Einleitung ein in 8-9 Jahren denkbarer Konfliktfall entworfen werden, der sich an öffentlich zugänglichen Informationen der letzten sechs Monate orientiert, um danach eine beispielhafte Beschreibung des zukünftigen, von der Bundeswehr vorhergesagten Kampfgeschehens aufzuzeigen.

 

I. Planspiel: Das Baltikum, Zankapfel zwischen Russland und NATO

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Grafik von User: NordNordWest (File: Suwalki_Gap-de.svg) [CC BY-SA 3.0],via Wikimedia Commons

Im Jahr 2025 steht Russland nach 10 Jahren andauernder Sanktionen durch die EU und USA wegen der völkerrechtswidrigen Besetzung der Krim vor erheblichen innenpolitischen und ökonomischen Problemen. Da der russische Präsident 2024 mit einem selbst für russische Verhältnisse denkbar schlechten Ergebnis wieder gewählt wurde und daher einen politischen Erfolg braucht, möchte er nun durch einen außenpolitischen „Paukenschlag“ von der Lage im Inland ablenken. Russland startet deshalb eine massive Desinformationskampagne im Internet, mobilisiert Internet-„Trolle“ und verbreitet über gesteuerte Nachrichtenagenturen Falschmeldungen, um die russischsprachige Minderheit in den Baltischen Republiken gegen die demokratisch gewählten Regierungen aber auch die NATO Truppen aufzubringen. Kanadische Soldaten werden fälschlicherweise als Schmarotzer, Säufer und Umweltverschmutzer dargestellt. Es kommt daraufhin mehrfach zu teils gewalttätigen Protesten, die von den Polizeikräften in der angespannten Lage unter Einsatz von Tränengas, Gummigeschossen aber auch Warnschüssen aufgelöst werden müssen. Nachdem die Proteste, auch gegen NATO-Einrichtungen, dennoch weiter eskalieren, wird von der überforderten Polizei scharf geschossen. Es gibt Tote und Verletzte unter den russischstämmigen Demonstranten. Russlands staatsgelenkte Medien „schlachten“ diese Meldungen nun im eigenen Land weidlich aus, lancieren weitere „Fake News“ Kampagnen, reden darin vom „Aufstand diskriminierter Russen“ und verlangen zum Schutz „unserer Landsleute“, dass den russischstämmigen und -sprachigen Bewohnern nach Jahrzehnten der Benachteiligung in den baltischen Republiken endlich mehr Sonderrechte eingeräumt werden bis hin zur Autonomie einzelner Landstriche. Lettland, Estland und Litauen lehnen dies kategorisch ab und beginnen vorsorglich mit der Mobilisierung ihrer Streitkräfte. Russland kündigt daraufhin an, ihr alle 4 Jahre anstehendes Zapad Manöver nun sofort vorzuziehen und das Übungsgebiet auf Weißrussland und das Grenzgebiet zu Polen zu beschränken. Die NATO ist alarmiert und beginnt mit der Verlegung sehr schneller Eingreifkontingente (VJTF) nach Polen und ins Baltikum, um die dort stationierten Truppen zu verstärken. Dies sieht Russland als weitere Provokation an und verhängt ein Wirtschaftsembargo gegen die drei baltischen Republiken. Gleichzeitig verschaffen sich vermutlich russische Hacker über das Internet Zugang zu den Kraftwerken in Lettland, Estland und Litauen und legen die Stromversorgung lahm. Zusätzlich stört die russische Armee mit elektronischen Kampfmitteln die Mobilfunknetze, die GPS-Navigation und Teile des zivilen und militärischen Funkverkehrs sowie der Radarüberwachung im gesamten Baltikum. Es kommt im weiteren Verlauf teils zu bürgerkriegsähnlichen Ausschreitungen, Schusswechseln und Plünderungen.

Zapad 2017 (Proving Ground Luzhsky) 03Russische T-90 Kampfpanzer, BMPT-Kampfunterstützer, Zapad 2017, Kremlin.ru [CC BY 4.0], via Wikimedia Commons

Ohne Vorwarnung überschreiten nun russische Armeeeinheiten aus dem laufenden Zapad-Großmanöver heraus mit rund 90.000 Soldaten die Grenze zu den drei baltischen Republiken und nach Polen, um die sogenannte Suwalki-Lücke zwischen Weißrussland und der russischen Kaliningrad Enklave zu schließen. Damit droht das Baltikum vom westlichen Teil Europas vollständig abgeschnitten zu werden. Ein militärischer „Schachzug“, um den russischen Vormarsch in Litauen nicht zu gefährden und die Kaliningrad Enklave vor einem möglichen NATO Angriff zu schützen, der aber auch polnisches Staatsgebiet verletzt. Der russische Außenminister erklärt im eiligst einberufenen UN-Sicherheitsrat ohne jegliche Regung, Russland müsse seine „slawischen Brüder und Schwestern“ in den baltischen Republiken vor weiterer Verfolgung und Schaden schützen, es handele sich nur um einen begrenzten „Polizei“-Einsatz „kleinerer“ Kräfte zur Stabilisierung der Lage, die NATO solle sich besser zurückhalten, man werde sich aus den Baltischen Republiken und Polen zurückziehen, sobald sich die Lage dort beruhigt habe und von Russland angesetzte „Volksabstimmungen“ abgehalten wurden, um die „berechtigten Forderungen“ der russischstämmigen Bevölkerung „durchzusetzen“. Deutschland, die Benelux-Länder und Frankreich sind hinsichtlich einer Reaktion der NATO zwiegespalten, drängen auf eine politisch-diplomatische Lösung, vor allem die deutsche Bevölkerung steht dem Engagement der Bundeswehr in Litauen schon seit jeher skeptisch gegenüber. Polen, Großbritannien und die USA plädieren dagegen vehement für die sofortige Feststellung des Bündnisfalles. Das abgewandelte französische Zitat aus dem Jahr 1939 „Mourir pour Tallinn?“ (Sterben für Tallinn?) macht in Europa die Runde.

NATO eFP-Aufstellung im Baltikum und Polen – Übersichtskarte, via NATO

Da passiert das bislang Undenkbare: die russische Armee zerschlägt bei ihrem Vorstoß innerhalb weniger Minuten durch einen Überraschungsangriff das in seine Bereitstellungsräume marschierende, bislang noch defensiv gebliebene Nato eFP-Kontingent in Litauen, bestehend aus Deutschen, Belgiern, Niederländern, Franzosen, Kroaten und Luxemburgern mithilfe von weitreichender (Raketen-) Artillerie der Kaliningrader A2AD-Zone, deren Zielkoordinaten von Aufklärungsdrohnen und im Internet gewonnener Positionsdaten u.a. aus eingestellten Bildern von NATO-Soldaten bei Twitter und Facebook stammen. Ob dies durch ein Versehen oder in voller Absicht geschieht, um die „Falken“ zu verunsichern und die „Tauben“ innerhalb der NATO noch mehr zu verängstigen, lässt sich später nicht mehr aufklären. Es ist aber der Tropfen, der das Fass unerwartet zum Überlaufen bringt: in Frankreich aber vor allem in Deutschland schlägt die Stimmung in der Bevölkerung schlagartig um, als man von fast 1000 toten und verwundeten Soldaten erfährt. Nur Stunden später stellt die NATO gemäß Artikel 5 zum zweiten Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall fest.

 

II. Bundeswehr und NATO: Wie kämpfen Landstreitkämpfe künftig?

Deutsche und niederländische, teils luftbewegliche Einsatzkräfte sollen sich nun in Richtung Polen in Bewegung setzen. Deren Aufgabe wird es sein, ein mögliches Vordringen russischer Truppen aus der Suwalki Lücke heraus in Richtung Danzig und Warschau zu verhindern. Der Versuch, hierfür auch nur eine partielle Luftüberlegenheit mit den NATO-Luftwaffen über dem Baltikum und Nordostpolen zu erringen, scheitert an der Vielzahl der in der Kaliningrader A2AD-Zone aufgestellten russischen Luftverteidigungssysteme (S-400, S-500). Die in Polen stationierten Patriot-Flubabwehrbatterien wiederum versagen den russischen Luftstreitkräften ein weiteres Vordringen in den NATO-Luftraum. Der Anmarsch über die Ostsee eines eiligst zusammengezogenen, britisch-französischen amphibischen Kampfverbandes mit dringend benötigten Nachschub und Verstärkungen für das Baltikum, muss wegen des russischen Einsatzes von K-300 Bastion Boden-Schiffsraketen aus der Kaliningrad Enklave heraus nach hohen NATO-Verlusten abgebrochen werden. Man entscheidet sich daher bei der NATO, weitere Verstärkungen nur noch auf vielfach verteilten Landwegen nach Polen zu entsenden, um russische Angriffe mit Iskander Raketen und Marschflugkörpern auf größere NATO Truppenansammlungen zu vermeiden. Dies führt in der Folgezeit zu erheblichen Verzögerungen.

In einer sofort angelaufenen Cyber Gegenoffensive kann die NATO zumindestens in die russischen militärischen Netzwerke eindringen, verändert bzw. löscht dort militärische Datenbanken, fängt E-Mails ab und kann das russische Datennetz durch Überlastung der Server und Netzwerkknoten teilweise außer Gefecht zu setzen. Dennoch setzen die russischen Einheiten ihren Vormarsch, wenn auch verlangsamt, weiter unverändert fort. Nur in städtischen Gebieten gelingt es der NATO, den russischen Vormarsch aufzuhalten bzw. stark zu verzögern.

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By No machine-readable author provided. Padeluun assumed (based on copyright claims). [Public domain], via Wikimedia Commons

Da Zeit nun zum entscheidenden Faktor wird, entscheidet sich der Kommandeur der deutsch-niederländischen Einheiten, seine Luftlandetruppen, trotz der Risiken durch russische Flugabwehrraketen, unverzüglich per Lufttransport zu verlegen. Um die Soldaten in ihren Hubschraubern vor Raketenangriffen zu schützen, werden Täusch-Drohnen zeitversetzt und in großen Schwärmen den echten Staffeln vorausgeschickt, die dem russischen Radar eine Vielzahl verschiedener, aus unterschiedlichen Richtungen anfliegender Hubschrauberverbände vorgaukeln. Die russischen S-400 & S-500 Flugabwehrsysteme fallen auf die elektronische List herein, zumal die Feuerleitcomputer u.a. durch die schiere Anzahl von Täusch-Drohnen überlastet sind, und verschießen einen Großteil ihrer Raketen auf diese Scheinziele aber nicht auf die nachfolgenden „echten“ Hubschrauber. Flankierend hierzu stören Einheiten für Elektronische Kampfführung der NATO (fortan: EloKa) das gegnerische Radar, dringen Sondereinsatzkommandos in russische Befehlsstände der Raketeneinheiten in der Kaliningrad Enklave ein und vernichten von britischen U-Booten in der Nordsee abgeschossene Marschflugkörper weitere russische Flugabwehrbatterien mit Hilfe von Satelliten gelieferter Zielerfassungsdaten. In der Zwischenzeit erreichen die Luftlandeeinheiten mit ihrem Hubschraubern im Tiefflug und mit Hilfe von vorausfliegenden Aufklärungsdrohnen das Einsatzgebiet. Als luftbewegliche Spähtrupps sichern diese Drohnen den Anflug zu einer feindfreien Landezone. Gesteuert werden sie durch den befehlshabenden Offizier und seinen Stab im Führungshubschrauber, der die in Echtzeit übermittelten Informationen und Bilder sofort in entsprechende Befehle umsetzen kann. Doch viel Zeit zum Luftholen bleibt den Deutschen und Niederländern nicht. Von der US Army zur weitläufigen Absicherung der Landezone eingesetzte Kampf- und Aufklärungsdrohnen MQ-9 Reaper entdecken aus Nordosten herannahende russische Einheiten mit Kampf- und Schützenpanzern. Um den gerade erst abgesetzten Truppen Zeit zur Entfaltung und Aufstellung zu geben, entscheidet sich der Kommandeur, den russischen Vorstoß sofort zu verzögern.

MQ-9 Reaper in flight (2007)MQ-9 Reaper Kampf- und Aufklärungsdrohne
By U.S. Air Force photo/Staff Sgt. Brian Ferguson (USAF Photographic Archives (image permalink)) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die bereits vorgetragenen Angriffe gegen das russische Luftverteidigungsnetzwerk werden von EloKa- und Cyber-Einheiten noch einmal intensiviert. Der NATO Luftwaffe gelingt es daraufhin, weiträumig um die Landezone eine zeitweilige Luftüberlegenheit herbeizuführen. Nachdem Satelliten und Aufklärungsdrohnen den Schwerpunkt des gepanzerten russischen Vorstoßes ausgemacht haben, setzen deutsche Tiger und niederländische Apache Kampfhubschrauber zum Angriff an. Im Tiefflug nähern sich mehrere Vierergruppen, bestehend aus je einem Tiger, einem Apache, einer Aufklärungsdrohne zur Erkundung, Zielaufklärung und Datenermittlung und einer Kampfdrohne mit panzerbrechenden Raketen, die autonom den Kampfhubschraubern folgt und vom Waffenoffizier des Tigers gesteuert wird, den gepanzerten russischen Verbänden. Bei dem sich nun entwickelnden Gefecht kommen vor allem die Kampfdrohnen zum Einsatz, die Kampfhubschrauber bleiben solange wie möglich in Deckung, greifen nur bei „günstigen“ Gelegenheiten an. Die von den Aufklärungsdrohnen übermittelten Daten werden in der Bordelektronik der Apache Kampfhubschrauber aufbereitet und mittels LaserCom an die in der Landezone stehenden Panzerabwehrrakten weitergeleitet. Diese feuern ohne Sichtlinie mit Hilfe der übermittelten Daten ebenfalls auf die russischen Einheiten. Der russische Angriff kommt zeitweilig zum Stehen.

MULE ARVXM1219 – Bewaffnetes Roboterfahrzeug
By usa employee, who else? (https://www.fcs.army.mil/systems/arval/index.html)
[Public domain], via Wikimedia Commons

Um die Gunst der Stunde zu nutzen, werden luftlandefähige Panzerabwehreinheiten mit Roboterwaffenträgern abgesetzt. Der Kommandeur der deutsch-niederländischen Einheiten will die durch das waldreiche und sumpfige polnische Gelände bedingte Gassenbildung ausnutzen, um den russischen Vormarsch nochmals weiter zu verzögern. Von der Infanterie gestartete tragbare Aufklärungsdrohnen liefern Bilder und Informationen an die Notebooks der Truppführer. Diese entscheiden dann, ob russische Panzerfahrzeuge und abgesetzte Infanterie wahlweise mittels panzerbrechender Raketen oder Mörsern mit selbstgelenkter Mehrzweckmunition der Roboterwaffenträger, von Kampfhubschraubern oder von der rückwärtigen (Raketen-) Artillerie bekämpft werden.

Weiter östlich errichtet eine deutsche Brigade, teilweise verstärkt durch eine amerikanischen Panzerkompanie, einen Verteidigungssperriegel vor einem Teil der Kaliningrad Enklave. Hierfür werden von Pionieren herkömmliche Minensperren ausgelegt aber auch hochleistungselektromagnetische Störsysteme aufgestellt, die gezielt Impulse in unterschiedlichste elektronische Systeme von gegnerischen Fahrzeugen und Soldaten lenken können, um deren Funktionsfähigkeit zu blockieren. Vollautonome Roboterfahrzeuge zur Bekämpfung von gepanzerten Fahrzeugen und Aufklärungsdrohnen mit Sensoren für den direkten Datenaustausch zu rückwärtigen Panzerabwehrraketen ergänzen die Verteidigungsstellung. Art, Umfang und genaue Lage der angeordneten Sperren werden auf die Bordcomputer der deutschen Gefechtsfahrzeuge mittels Virtueller Realität eingespielt. Quadrocopter Drohnen mit Panzerabwehrminen werden bereit gehalten, um eigene Minengassen oder eventuelle russische Durchbrüche bei Bedarf schnell zu verschließen, ohne die eigenen Soldaten dabei zu gefährden.

2855578 Panzergrenadierbataillon 33 with Panzer Puma 2016„Puma“ Schützenpanzer der Bundeswehr
By U.S. Army Reserve photo by Capt. Xeriqua Garfinkel [Public domain], via Wikimedia Commons

Schützenpanzer vom Typ „Puma“ und Panzergrenadiere können nun ihre Stellungen beziehen. Auf den Monitoren der Pumas erscheinen die von den Pionieren zuvor gelegten Minensperren, Grenzen zu benachbarten Einheiten, Feuerlinien, tote Räume, Stellungen und Bewegungen eigener Truppen etc. Diese Informationen werden zudem auf die Datenbrillen (Head-Up-Display) der Schützentrupps projiziert, auch um das versehentliche Feuern auf eigene Einheiten zu verhindern. Die Zugführer der Panzergrenadiere schicken zunächst nur ihre Aufklärungsdrohnen nach vorne, weil diese aufgrund ihrer geringen Größe kaum vom Gegner zu orten sind. Mit Hilfe der übermittelten Daten werden dann mit indirektem Feuer von rückwärtigen Panzerabwehrraketen und Mörsern die angreifenden russischen Einheiten bekämpft. Erst wenn die eigenen Drohnen entdeckt und mittels russischer Störsender ausgeschaltet wurden, müssen die Soldaten selbst das Gefecht führen.

An der linken offenen Flanke der Brigade stehen bislang zur Sicherung eine US Panzerkompanie mit deutschen Aufklärungseinheiten, die mit teilautonomen und sich selbst konfigurierenden Schwärmen von Aufklärungsdrohnen, stationären Sensoren und bemannten Spähtrupps ein Umgehen der Verteidigungsstellung verhindern sollen. Durch das Zusammenspiel von Mensch und teilautonomer Robotik in den Aufklärungsdrohnen kann ein viel größerer Raum bei weniger Personaleinsatz aufgeklärt werden als noch vor 10 Jahren. Dennoch gelingt es den russischen Einheiten, durch eigene EloKa-Einheiten und den massiven Einsatz von Aufklärungs- und Kampfdrohnen Lücken in den Überwachungsbereich der linken Flanke zu schlagen und dann mit eigenen massiven Panzerkräften vorzustoßen.

150625-A-VD071-016e U.S. M1A2 tanks in Bulgaria, 69th Armor Regiment June 2015„Abrams M1A2“ Kampfpanzer
von U.S. Army photos by Spc. Jacqueline Dowland, 13th Public Affairs Detachment [Public domain], via Wikimedia Commons

Die US Panzerkompanie besteht aus modernisierten „M1A2 SEP V4 Abrams“ Kampfpanzern. Jeder Panzer wird von einer Aufklärungsdrohne, einem robotergesteuerten M113 Schützenpanzer mit Vernebelungsanlage und einem robotergesteuerten Humvee Jeep mit integrierten Granatwerfer begleitet. Diese drei autonomen Systeme werden aus dem M1A2 Abrams heraus von der Besatzung gesteuert. Im nun beginnenden Gefecht mit den russischen Kampf- und Schützenpanzern liefert die Drohne der Panzerbesatzung von oben ein Feindlagebild mit Zielerfassungsdaten, während der M113 Schützenpanzer autonom eine Nebelbank legt, um dem M1A2 Abrams eine verdeckte Schussposition zu ermöglichen. Der Humvee Jeep belegt selbständig mit dem Granatwerfer nach Übermittlung der von der Drohne erfassten Zieldaten u.a. die abgesetzte russische Infanterie mit Deckungsfeuer, damit diese keine Panzerabwehrwaffen gegen die Gruppe einsetzen kann. Der Abrams M1A2 selbst bekämpft in der Zwischenzeit seinen gefährlichsten Hauptgegner, die russischen T-14 und T-90 Kampfpanzer. Um die aktiven Schutzsysteme der russischen Kampfpanzer zu überwinden, werden gleichzeitig von deutschen Kampfdrohnen Panzerabwehrraketen und von weiter hinten stehenden Panzerhaubitzen sogenannte Panzerabwehr-Submunition eingesetzt, die von oben in die russischen Kampf- und Schützenpanzer eindringen kann. Durch das abgestimmte Zusammenwirken der deutsch-amerikanischen Waffensysteme gelingt es der deutschen Brigade, den russischen Durchbruch zurückzuweisen.

Erst nach Wochen erbitterter Kämpfe und hoher Verluste auf beiden Seiten können herangeführte polnische und amerikanische Verstärkungen die russischen Truppen nach und nach aus Polen herausdrängen. Die Suwalki Lücke und damit der Zugang zu den baltischen Republiken ist wieder unter Kontrolle der NATO. Zur Vorbereitung des Gegenangriffs werden die russischen Computernetzwerke zur Truppenführung und -information u.a. durch die EloKa- und Cyber-Einheiten der Bundeswehr nun massiv gestört, teilweise auch außer Funktion gesetzt. Damit gelingt es der NATO, Entscheidungsprozesse der russischen Befehlsstäbe massiv zu verlangsamen. Gleichzeitig werden in den noch zugänglichen russischen (Internet-)Medien und sozialen Netzwerken, wie VKontakte (VK), Odnoklassniki (OK) und Moi Mir (Meine Welt), eine große Zahl an Meldungen gepostet, die ein Zurückweichen der NATO-Einheiten vermuten lassen, um den geplanten weiteren Vormarsch in Richtung Litauen möglichst lange zu verschleiern.

Als sich der Erfolg des NATO-Vorstoßes abzeichnet, werden nun von den Cyber-Einheiten der Bundeswehr offensive, englisch- und russischsprachige Informationskampagnen in den sozialen Netzwerken Weißrusslands und Russlands gestartet, die mit Bildern, Videos, Texten und Interviews die Erfolge der NATO darstellen, eigene Verluste aber nicht verschweigen und u.a. aufzeigen sollen, dass mit allen Mitteln versucht wird, zivile Opfer zu vermeiden. Auch der direkte Kontakt zu gegnerischen Soldaten und deren Familien via Email, SMS und dem russischen Messenger-Dienst „Telegram“ wird gesucht, um sie von den wahren Absichten der NATO zu informieren und russischen Falschmeldungen bzw. Propaganda entgegenzuwirken.

Leopard 2A6, PzBtl 104„Leopard II A6“ Kampfpanzer der Bundeswehr
von U.S. Army Europe photo by Visual Information Specialist Markus Rauchenberger [Public domain], via Wikimedia Commons

In den vorrückenden Panzerkompanien der Bundeswehr sind einzelnen Leopard II A7 Kampfpanzern teilautonome, robotergesteuerte Brückenlegepanzer und Minenräumfahrzeuge mittels einer „elektronischen Deichsel“ beigeordnet. Diese können auf Anweisung der Panzerbesatzungen Aufgaben der Flussquerung oder Minenbeseitigung übernehmen, ohne dass deutsche Soldaten bei diesen Einsätzen gefährdet werden müssen.

Wie nicht anders zu erwarten, wehren sich die überraschten russischen Einheiten mit Schwärmen von kleinen, schwer aufzuspürenden, beim Angriff sich selbst zerstörenden Angriffsdrohnen gegen die herannahenden deutschen Panzerspitzen. Die die Kampfpanzer begleitenden „Puma“ Schützenpanzer sind vor dem Einsatz noch per Software-Update der Bordcomputer auf diese völlig neue Art der Bedrohung vorbereitet worden. Über die Vernetzung der Schützenpanzer untereinander und mit den eigenen Aufklärungsdrohnen gelingt es den Pumas, die einzelnen Schwärme zu orten und mit Hilfe ihrer Maschinenkanonen sowie spezieller Munition eine Art Sperrvorhang in der Luft durch Splitterwirkung gegen die anfliegenden Drohnen zu legen. Einzelne durchgebrochene Drohnen werden von den abstandsaktiven vollautonomen Schutzsystemen der Leopard II abgewehrt. Dennoch muss wegen der schieren Menge anfliegender Drohnen neben den Pumas auch achträdrige gepanzerte Gefechtsfahrzeuge „Boxer“ mit hochleistungselektromagnetischen Störsystemen und Hochenergielaser zu Hilfe kommen, um die russischen Drohnenschwärme endgültig abzuwehren. In der Folgezeit wird der Vormarsch der gepanzerten Bundeswehreinheiten auch durch russische EloKa Störsysteme gegen die Kommunikationssysteme und die vernetzte Operationsführung zu den übergeordneten Kommandostellen massiv behindert. Ein Informationsfluss von den Einheiten zu den Befehlsständen und wieder zurück ist größtenteils nicht mehr möglich. Da der Vormarsch ins Stocken kommt, behelfen sich die Bundeswehreinheiten nun mit Quadrocopter-Drohnen, die über Lichtwellenleiter mit den Kampf- und Schützenpanzern verbunden sind und auch in der Bewegung über den Fahrzeugen schweben. Diese sorgen mittels Richtfunk bzw. Kommunikationslaser für störunanfällige Verbindungen untereinander und zu den Stäben. Die vernetzte Operationsführung kann wieder aufgenommen werden, auch wenn diese alternativen Verbindungen von Umweltbedingungen wie Wäldern, Hügeln, Häusern, Brücken etc. teilweise stark eingeschränkt werden und die Einheiten daher langsamer vorrücken müssen.

 

III. Würdigung

 

HURT concept drawingUmfassende Interoperabilität und Kommunikation zwischen den Untereinheiten
By Wikipedia: DARPA / Wikipedia: Information Processing Technology Office [Public domain], via Wikimedia Commons

Im Vorwort zu dem hier vorgestellten Thesenpapier stellt die Bundeswehr fest, dass in den letzten 20 Jahren die Ausstattung des Heeres und seine Fähigkeiten für die Landes- und Bündnisverteidigung gegenüber einem gleichwertigen Gegner gelitten haben, es gebe „unübersehbare Defizite“, die nun in den nächsten Jahren zügig behoben werden müssten.

Da die Kampfkraft moderner Armeen schon jetzt nicht mehr durch die Masse der zur Verfügung stehenden Soldaten bestimmt wird sondern vielmehr durch die Menge und Qualität der einsetzbaren Waffensysteme, aber auch die Zahl der Soldaten als sogenannte „Systembediener“ schrumpft (Mangel an Masse), müssen Waffensysteme (voll/teil)autonom werden, um die zu bewältigenden Aufgaben mit (noch) weniger Soldaten erfüllen zu können. In Verbindung mit den Fortschritten in der Robotik und der Künstlichen Intelligenz werden wir in Zukunft u.a. Kampfpanzer und Drohnen sehen, die autonom fahren, fliegen und kämpfen können. Der Mensch wird dann, wenn überhaupt, nur noch zur Beaufsichtigung solcher letaler, autonomer Waffen Systeme (LAWS) eingesetzt. Die (völker)rechtlichen und ethischen Aspekte eines solch „leeren Schlachtfeldes“ können und sollen hier nicht diskutiert werden.

Die fortschreitende Technologisierung des Gefechtsraumes durch Digitalisierung, Robotik, autonome Waffensysteme und Miniaturisierung muss zu einer mehrdimensionalen Einbindung der Streitkräfte in die Bereiche Luft, Cyber, Information und Weltraum führen, die bislang, wenn überhaupt, nur in Ansätzen vorhanden ist. Gleichzeitig kommt es schon jetzt durch die Nutzung des Internets, den Einsatz von Drohnen und die elektronische als auch die Satellitenaufklärung zu einem „gläsernen Gefechtsfeld“, wo jeder jeden sieht und auch bekämpfen kann. Neben der Transparenz wächst damit in Zukunft auch die Komplexität des Gefechts. Der Gefechtsraum wird selbst für gut geschützte Soldaten tödlicher.

Die Digitalisierung und Vernetzung der Streitkräfte ist Grundvoraussetzung dafür, dass ein Großteil der hier beschriebenen Einsatzszenarien in der Zukunft überhaupt Wirklichkeit werden. Dafür muss das Beschaffungsverfahren zeitlich und organisatorisch gestrafft werden. Entwicklungszyklen von 10 oder mehr Jahren für einzelne Waffensysteme sind für die Bundeswehr nicht mehr tragbar. Die schnelle Herstellung von Mustersystemen (sog. rapid prototyping) und Sofortbeschaffung ohne langwierige Ausschreibungs- und Planungsverfahren sind für technologisch sich rasant ändernde Bereiche wie EloKa- und Cyber-Kriegsführung in Zukunft unerlässlich.

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Quellen:

– Bundeswehr Autorenteam Kdo H II 1 (2): Wie kämpfen Landstreitkräfte künftig?
– Todd South in ArmyTimes: New Army tests put a tank crew in charge of a mini-formation of unmanned vehicles

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6 Kommentare zu „Wie kämpft die Bundeswehr in 10 Jahren?

  1. 1) Kommunikation: Ich halte es für den absolut richtigen Schritt in die Kommunikation mit der breiten Öffentlichkeit einzusteigen. Die Einbeziehung der Gesellschaft in die militärisch-politische Debatte schafft Verständnis für die militärischen Bedarfe. Das muss in meinen Augen künftig intensiviert werden.
    2) Zukunftsanalyse: Die Zukunft ist unklar und man kann allenfalls versuchen mögliche Zukünfte in unterschiedlichen Szenarios zu erfassen. Die Nutzung eines Szenarios ist recht eng und deutet darauf hin, dass versucht werden soll ein Bild zu zeichnen, dass die Heeresbedarfe begründet. Das sicherheitspolitische Konfliktbild ist nicht unrealistisch aber auch sehr holzschnittartig.
    3) Kriegsbild: Das sich aus dem Konfliktbild ergebende Kriegsbild ist eher an den Szenarios des Kalten Krieges orientiert als eine Analyse der Zukunft, obgleich neue Technologien benannt werden. Ob die der künftige Charakter des Krieges tatsächlich von Landoperationen geprägt ist, ist sicherlich zu diskutieren.
    4) Die dargestellte Operationsführung ist unrealistisch. Die Nutzung von Cyber im Anschluss an Luftkriegsoperationen gegen A2AD wäre wohl wenig zielführend, ist im Szenario aber notwendig, um die Bedeutung der Landstreitkräfte zu unterstreichen. Die Kunst würde wohl eher darin bestehen, Cyber-Operationen vorbereitet zu haben, um diese dann mit Luftkriegsoperationen zu synchronisieren. Der Einsatz von Landstreitkräften ohne Luftüberlegenheit hätte in der Realität horrende Verluste zur Folge! Das Papier ist ein reinesHeeresdokument, dem eine realistische streitkräftegemeinsame Perspektive fehlt.
    5) Technologie: Die dargestellten Zeitlinien von weniger als 10 Jahren halte ich für unrealistisch, zieht man die rüstungsindustrielle Entwicklungsdauer und den Zeitbedarf für politische Entscheidungsprozesse in Betracht. Das gilt umso mehr, wenn ethische und politische Argumente hier ausgeklammert werden.
    6) Krieg als menschliche Aktivität: Ich persönlich halte es für unvollständig den Krieg der Zukunft auf Maschinen zu begrenzen. Krieg ist eine menschliche Aktivität bei der es um die Austragung von Konflikten geht. Menschen sind also bereit Leid zuzufügen aber auch zu ertragen für ihre Interessen. Meiner Auffassung nach wird die Dimension menschlichen Leids , die nach dem Krieg der Maschinen kommt, stets ausgeblendet.

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