„A2AD“-Zone, was verbirgt sich hinter diesem Schlagwort?

Spätestens seit der Besetzung der Halbinsel Krim durch russische Truppen 2014 ist das Verhältnis der NATO zu Moskau angespannt. Politiker und Militärs mussten nach 20 Jahren der Auslandseinsätze und Friedenssicherung gegen drittklassige Gegner sowie der „Aushöhlung“ der europäischen Armeen als Beitrag an der „Friedensdividende“ erkennen, dass Russland vom Partner zum mehr als ebenbürtigen Gegner mutiert ist, der auch nicht davor zurückschreckt, seinen Einflussbereich notfalls mit Waffengewalt zu sichern bzw. zu erweitern, ohne sich auch nur einen Moment um den politischen „Aufschrei“ zu kümmern. Und mit eher ungläubigen Staunen mussten Europäer und die USA mitansehen, wie Russland begann, an seiner westlichen Grenze zu Polen, dem Baltikum, auf der Krim und auch im fernen Syrien moderne und präzise Raketensysteme aller Art aufzustellen. Das Schlagwort von der „A2AD-Blase“ war geboren.

 

„A2AD“, das „schreckliche“ Akronym

Aber was verbirgt sich hinter dem einst vom US-Botschafter bei der NATO Douglas Lute so gescholtenen „schrecklichen“ Akronym?

Anti-Access Area Denial (A2AD) ist die Fähigkeit, gegnerischen Einheiten zu Lande, zu Wasser und in der Luft den Zugang und/oder die Bewegungsfreiheit in einem ausgewählten Operationsgebiet mit militärischen Mitteln zu versagen, mindestens aber zu erschweren.
Als militärische Mittel im Sinne dieser Definition dienen u.a. Marschflugkörper, nukleare und/oder konventionelle (ballistische) Kurz- und Mittelstreckenraketen gegen Boden-, Luft- und Seeziele, ABC-Waffen, weitreichende Artillerie und Elektronische Kriegsführung.

Eine A2AD-Zone kann, muss aber nicht, aus fünf Ebenen bestehen: Land, See, Luft, Weltraum und Cyberspace. Der Versuch einer solchen Definition darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass keine A2AD-Zone der anderen gleicht, worauf bereits US Admiral John Richardson hinwies. So sind die A2AD-Zonen in der sogenannten Kaliningrad Enklave im Baltikum nicht vergleichbar mit der in Syrien, weil die militärische Konzeption und Ausstattung bei jeder A2AD Zone eine andere ist, je nach Operationsgebiet und konkretem Einsatzziel. Der französische NATO-General Denis Mercier bemerkte ganz richtig, dass A2AD-Zonen per se nicht offensiv-aggressiv sondern prinzipiell eher als defensive Maßnahme zu verstehen sind.

 

Kaliningrad Enklave: Russlands modernste A2AD-Zone

Russland hat in den letzten Jahren in der Kaliningrad Enklave, dem ehemaligen nördlichen Teil Ostpreußens (Königsberg), eingekeilt zwischen Polen und Litauen aber mit Zugang zur Ostsee, eine Vielzahl an unterschiedlichen Waffensystemen zum Bau einer umfassenden A2AD-Zone aufgestellt. Hierzu zählen u.a. die aus Syrien bekannten mobilen S-300, S-400 Flugabwehrsysteme mit einer Reichweite bis zu 400 km, das mobile Küstenverteidigungssystem K-300P Bastion mit einer Reichweite bis zu 600 km, das sowohl gegen Schiffs- als auch gegen Bodenziele einsetzbar ist, die ebenfalls mobilen ballistischen Kurzstreckenraketen vom Typ Iskander-M und Marschflugkörper vom Typ Iskander-K mit einer jeweiligen Reichweite von ca. 500 km, die beide auch mit Atomsprengköpfen ausgerüstet werden können und schließlich U-Boote der verbesserten Kilo-Klasse mit Kalibr-Marschflugkörpern, die mehrfach vom Mittelmeer aus zum Einsatz im Nahen Osten kamen. Erwähnen sollte man auch noch die mittlerweile stark gestiegenen Mittel zur elektronischen Kriegsführung, teilweise in der Ost-Ukraine schon erprobt, die es Russland erlauben, Radarsignale von Satelliten, Frühwarnflugzeugen, Drohnen und Bodenstationen zu stören bzw. ganz zu unterbinden.

Mit den hier beschriebenen Waffensystemen ist Russland in der Lage, der NATO im Konfliktfall den Zugang auf dem Landweg in Richtung Polen und dem Baltikum zu erschweren wenn nicht sogar unmöglich zu machen. Auch der Weg über die Ostsee dürfte für NATO-Marineeinheiten schwierig werden. Russische Einheiten in der Kaliningrad Enklave kurzerhand aus der Luft anzugreifen, dürften die S-300 und S-400 Luftabwehrsysteme wohl einen massiven Riegel vorschieben. Russlands Boden-Boden-Raketen in der Kalningrad Enklave können neben allen baltischen Hauptstädten auch Berlin und Warschau erreichen! Das „Überrennen“ der Enklave mit NATO-Bodentruppen wäre nur unter hohen Verlusten und erheblichen Zeitaufwand möglich, ganz losgelöst von der Frage, ob die NATO hierzu aktuell militärisch überhaupt in der Lage wäre.

 

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Grafik von User: NordNordWest (File: Suwalki_Gap-de.svg) [CC BY-SA 3.0],via Wikimedia Commons

Ein mögliches Einsatzszenario der Kaliningrader A2AD-Zone wäre der Einmarsch russischer Truppen in die drei baltischen Republiken, dem zeitgleich ein „Schließen“ der sogenannten Suwalki-Lücke zwischen der Kaliningrad Enklave und Weißrussland über polnisches Gebiet hinweg folgen würde. Das Baltikum selbst und die dort stationierten schwachen NATO-eFP Einheiten wären vollständig abgeschnitten, NATO-Luftunterstützung käme nicht oder kaum an der russischen Luftabwehr vorbei, den NATO-Truppen in den Baltischen Republiken würde darüber hinaus die militärische Entfaltung durch massive Angriffe aus der A2AD-Zone heraus verwehrt und jeder Versuch der NATO, über Polen hinweg Verstärkungen heranzuführen, könnte wiederum aus der Kaliningrad Enklave heraus mit Iskander-Raketen und Marschflugkörpern im Keim erstickt werden, währenddessen russische motorisierte Infanterie- und Luftlandeeinheiten nach Einschätzung der Rand Corp. ca. 60-72 Stunden benötigen, um vollendete Tatsachen in den drei baltischen Republiken zu schaffen – wie auf der Krim 2014. Das russische Großmanöver ZAPAD 2017, bei dem über 100.000 Soldaten zum Einsatz kamen, hatte nach meiner Auffassung u.a. genau dieses „Kriegsspiel“ vor Augen, auch wenn Russland dies vehement bestreitet und von der Übung eines „Anti-Terrorszenarios“ sprach.

 

Ist es Zeit, die Luft aus der A2AD-„Blase“ zu lassen?

Der finnische Oberstleutnant und Universitätsdozent Jyri Raitasalo hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die russischen A2AD-Zonen in Europa und im Nahen Osten keine neue brillante militärische Doktrin Moskaus darstellen. Russland habe Westeuropa schon immer mit Raketen bedroht, so z.B. mit den atomar bestückten SS-20 in den 80er Jahren des vorherigen Jahrhunderts, die den politisch umstrittenen NATO-Nachrüstungsbeschluss nach sich zog (Stationierung von Pershing II und Tomahawk Marschflugkörpern in Europa durch die USA).

Das wirklich „Neue“ an der A2AD-Zone in der Kaliningrad Enklave ist, dass es der NATO im Allgemeinen und den USA im Besonderen zum ersten Mal seit 40 Jahren verwehrt wird, eine mögliche Konflikt- bzw. Operationszone (Polen/Baltikum) militärisch völlig frei zu betreten und sich in ihr auch ungehindert zu entfalten, so wie es das westliche Bündnis bislang kannte. Das russische Konzept weist dabei Ähnlichkeiten mit der militärischen Abriegelung der UdSSR in der Barentsee auf, um sowjetische U-Boote mit Interkontinentalraketen während des Kalten Krieges vor NATO-Angriffen zu schützen.

Die hektische Reaktion des Westens auf die russischen A2AD-Zonen im Baltikum und auf der Krim reflektiere die plötzliche Erkenntnis westlicher Politiker, dass den europäischen NATO-Staaten nach 20 Jahren der „Aushöhlung“ ihrer Truppen und der ausschließlichen Konzentration auf militärisch asymmetrische Friedensmissionen, Krisenmanagement und Anti-Terroreinsätzen im Ausland keine ausreichenden militärischen Mittel mehr für einen klassischen Großkonflikt in Europa mit einem (fast) ebenbürtigen Gegner zur Verfügung stehen. So könne man beobachten, dass allein schon die Ankündigung Moskaus, irgendwo ein bestimmtes Raketensystem aufzustellen, zu hektischen politischen Aussagen und Reaktionen führe. So gab der lettische Staatssekretär im Verteidigungsministerium Jänis Garisons zum Besten, dass im Baltikum „selbst Hausfrauen über die A2AD Bedrohung in Nordost-Europa sprechen würden“.  Mit anderen Worten: Russland benutzt „A2AD“ auch als Form der psychologischen und politischen Kriegsführung gegen den Westen. Moskau kann mit der Androhung, weitere A2AD Systeme in Osteuropa aufzustellen, die gegenseitige militärische Einstandspflicht der NATO-Mitglieder untereinander in Frage stellen und verunsichert gerade dadurch die osteuropäischen NATO-Staaten. Polen erklärte gerade erst, wenn auch in einem anderen Zusammenhang, dass es sich bei den Fragen seiner Sicherheit mehr auf die USA verlasse als auf Europa!

Die militärischen Möglichkeiten einer A2AD-Zone repräsentieren zudem auch ein theoretisches Wunschbild, das im Fall einer bewaffneten Auseinandersetzung nicht vollumfänglich durchsetzbar sein wird. So gibt es zur Zeit keine existierende A2AD-Zone die in der Lage wäre, eine absolute militärische Ausschließbarkeit des Gegners zu erreichen.

 

Iskander Boden-Boden-Rakete (NATO: SS-26)

 

Erfordert A2AD eine gänzlich neue Strategie der NATO?

Bei aller Aufgeregtheit und dem aktuell zu beobachtenden politischen Aktionismus mancher europäischer NATO-Verteidigungsminister sollte man nicht vergessen, dass die NATO bislang militärisch als auch technologisch Russland (noch) überlegen ist. Auch weitere russische A2AD-Zonen in Osteuropa werden nach meinem Dafürhalten weder die USA noch die europäischen NATO-Kernländer England, Frankreich, Deutschland aus Osteuropa „herausquetschen“ können oder sie dazu bewegen, ihren Bündnispflichten gegenüber den kleineren osteuropäischen NATO-Partnern im Ernstfall nicht nachzukommen!

Die NATO-Allianz darf dennoch langfristig nicht die Augen davor verschließen, dass Russland militärtechnologisch massiv aufholt und mit dem weiteren Ausbau von A2AD-Zonen in Osteuropa sich eine lokale „Eskalationsdominanz“ an der östlichen NATO-Flanke schafft, die es dazu nutzen könnte, örtlich und zeitlich begrenzte militärische Konflikte zu führen in der festen Annahme, dass die NATO-Länder gar nicht oder viel zu spät dazu kommen, einzugreifen und wenn überhaupt, dann so massiv, dass das Risiko einer Eskalation bis hin zum taktisch-atomaren Erstschlag besteht, den gerade die europäischen NATO-Länder aus verständlichen Gründen unbedingt vermeiden wollen.

Die A2AD-Zone in der Kaliningrad Enklave stellt die bislang angenommene Abschreckungsstrategie der NATO für einen Konfliktfall im Baltikum insoweit in Frage, als die geplante Verlegung von Truppen und Material aus den USA und Westeuropa in Richtung Nordosteuropa nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt möglich sein wird und man die dort bereits stationierten eFP Einheiten „ihrem Schicksal“ überlässt. Auch die Überlegung, gegebenenfalls mit schnell verfügbaren NATO-Lufteinheiten einen Vormarsch russischer Truppen im Baltikum zu stoppen, dürfte durch die potente russische A2AD Zone in der Kaliningrad Enklave wesentlich schwerer geworden sein.

Die NATO sollte daher ihre militärische Präsenz in Polen und den baltischen Republiken über die bislang bereits rotierenden eFP Einheiten hinaus verstärken. Ob dies, wie von der Rand Corp. vorgeschlagen, durch die Aufstellung von insgesamt sieben Brigaden, davon drei schweren und/oder den Ausbau von permanenten NATO-Basen im Baltikum, wie es Polen und die baltischen Republiken fordern und/oder durch die Aufstellung eigener A2AD-Zonen mit weitreichenden, „überlebensfähigen“ und präzisen Waffensystemen, wie es der ehemalige amerikanische NATO-Oberbefehlshaber General Breedlove gefordert hat, geschehen muss, wird in der NATO noch eingehend diskutiert werden müssen. Allen Beteiligen sollte aber bewusst sein, dass es zur Aufrechterhaltung einer glaubhaften Abschreckung mehr bedarf, als weiterer bloßer Absichtserklärungen oder der Aufrechterhaltung kleinerer NATO-Kontingente im Baltikum.

Und was sagt Russland dazu? Russlands Botschafter bei der NATO Alexander Grushko bestreitet den Wunsch Moskaus, seine ehemalige Einflusssphäre im Baltikum wieder herstellen zu wollen. „Russland bewegt sich nicht, wir stehen, wo wir schon gestanden haben. Es ist die NATO, die ihre militärische Infrastruktur näher an die russische Grenze heranführt und militärische Systeme aufstellt.“ Moskau behalte sich das Recht vor, sich selbst zu schützen.
Das sollte die NATO auch tun und dabei auf den römischen Militärschriftsteller Flavius Vegetius Renatus (um 400 n. Chr.) hören: „Qui desiderat pacem, bellum praeparat“ (Wer Frieden will, sollte den Krieg vorbereiten).

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Quellen:

Luis Simon, https://warontherocks.com/2017/01/demystifying-the-a2ad-buzz/

Tomasz Smura, https://pulaski.pl/en/russian-anti-access-area-denial-a2ad-capabilities-implications-for-nato/

Christopher Cowan, https://www.realcleardefense.com/articles/2016/09/13/a2ad_-_anti-accessarea_denial_110052.html

Giulia Paravicini, https://www.politico.eu/article/natos-struggle-to-close-defence-gaps-against-russia-a2ad/

Juri Raitasalo, http://kkrva.se/en/it-is-time-to-burst-the-western-a2ad-bubble/

Sergey Sukhankin, http://neweasterneurope.eu/2017/08/02/kaliningrad-oblast-russia-s-formidable-a2-ad-bubble/

Rand Corporation, https://www.rand.org/pubs/research_reports/RR1253.html

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